New Orleans Jazz

George Lewis’ PENZEL-MUELLER Klarinette

Preservation Hall Jazz Band 1963

In meinem letzten SONIC-Artikel (Nr. 5/2013, Seite 34) erwähnte ich, dass neben den französischen Albert-Klarinetten von Buffet, Selmer und Noblet auch amerikanische Holzklarinetten von Penzel-Mueller von den Klarinettisten des New Orleans Jazz gespielt wurden (und werden), was nicht verwundert, denn Penzel-Mueller Klarinetten genossen (und genießen heute noch) einen besonders guten Ruf: sie wurden als „America’s answer to Buffet“ bezeichnet. In der Tat brauchten Klarinetten von Penzel-Mueller keinen Vergleich zu scheuen mit den Klarinetten des französischen Herstellers Buffet-Crampon, der von sich behauptete, „the finest clarinet in the world“ zu bauen, die sowohl die Wünsche der Klarinettisten der klassischen als auch populären Musik bestens erfüllt. Ein weiterer Slogan – „The Sweetest Clarinet Ever Made“ – sollte die Sonderstellung von Buffet untermauern.
Solisten, die sich einer Penzel-Mueller Klarinette verschrieben, lobten sie als erstklassiges Instrument, geschaffen von erstklassigen Instrumentenbauern. Besonders hervorgehoben wurde die Fertigungsqualität, die präzise Mechanik mit ihrer Leichtigkeit in der Handhabung und, was besonders wichtig ist, die Perfektion in Stimmung und Tonqualität: „They combine in the highest degree the essential qualities of free and pure tone, perfection in scale and mechanism, ease of manipulation and execution“, wie es in einer Anzeige der 1920er Jahre hieß.
Wie schon oben erwähnt, fanden Penzel-Mueller Klarinetten auch Zuspruch bei Jazzklarinettisten, und dieser beschränkte sich nicht nur auf jene aus New Orleans. So z. B. spielten die Big Band Musiker Jimmy Dorsey (1904-1957) eine Penzel-Mueller Klarinette im Albert- und Woody Herman (1913-1987) eine Penzel-Mueller Klarinette im Boehm-System.
Zu den New Orleans Jazzklarinettisten, die Penzel-Mueller Klarinetten im Albert-System spielten, zählen Sidney Arodin (1901-1948), Willie Humphrey (1900-1994), Albert Burbank (1902-1976), Louis Cottrell (1911-1978) und später schließlich – wenn auch nur gelegentlich – George Lewis (1900-1968). Das obige Foto, 1963 aufgenommen von Dan Lyrer in New Orleans in der St. Peter Street No. 726, zeigt ihn mit der Preservation Hall Jazz Band mit dem Pianisten Joe Robichaux (1900-1965), den Trompetern Punch Miller (1894-1971) und Kid Thomas (1896-1987), dem Schlagzeuger Joe Watkins (1900-1969), dem Posaunisten Louis Nelson (1902-1990) und dem Bassisten Papa John Joseph (1877-1965), von rechts nach links.

Bevor ich näher auf George Lewis‘ Penzel-Mueller Klarinette eingehe (von der sich ein baugleiches Modell in meiner Sammlung befindet, wobei es sich um die Klarinette des in New Orleans ansässig gewordenen Peter Paul Vicari (1928-2004) handelt, das mir nach dessen Tod seine Schwiegertochter Cindy Merritt zum Kauf anbot), möchte ich zuvor ein paar Worte verlieren zu Sidney Arodins Penzel-Mueller Klarinette (das Originalinstrument, das später einmal Chris Blount (1940-1998) gehörte, befindet sich ebenfalls in meiner Sammlung): Der einzige Unterschied zwischen der Penzel-Mueller Klarinette von Sidney Arodin und George Lewis ist der, dass das Ober- und Unterstück bei Sidneys Penzel-Mueller aus einem Stück Holz gefertigt ist und sich nicht wie bei Georges Penzel-Mueller in der Mitte zerlegen lässt.

Penzel Müller catalogue 1920

Beide Klarinetten sind in B-Stimmung (Bb LP) und im Voll-Albert-System gebaut mit 6 Ringen, Gabel B- und Gabel F-Mechanik, Verbindungshebel zur Oktavklappe, 4 Triller am Oberstück, 4 Rollen, H/Cis-Triller am Unterstück, Es-Heber und artikuliertem Gis mit Fis/Gis-Triller und einer patentierten Klappenverbindung zwischen Gis-, H- und Cis-Drücker, die die im obigen Katalogauszug von 1920 dargestellten Tonbindungen wie beim Pupeschi-System möglich macht.

Drei Penzel Müller Klarinetten

Diese Foto zeigt von links nach rechts

  1. die Penzel-Mueller Holzklarinette von Peter Paul Vicari mit zweigeteiltem Ober- und Unterstück wie sie auch von George Lewis gespielt wurde und weshalb ich die Klarinette mit einem weißen Runyon „Swing Bore“-Mundstück versehen habe,
  2. die Penzel-Mueller Holzklarinette von Sidney Arodin mit einteiligem Ober- und Unterstück und
  3. zum Vergleich eine Noblet „Fontaine“ Klarinette aus Ebonit im üblichen Albert-System. Eine solche Kunststoffklarinette, ausgestattet mit einem Brilhart „Ebolin“-Mundstück, spielte George Lewis in den 1950er Jahren. Alle drei B-Klarinetten (Bb LP) dürften gegen Ende der 1920er oder anfangs der 1930er Jahre gebaut worden sein. Foto: E. Kraut

Was bewog wohl George Lewis, sich eine Penzel-Mueller Voll-Albert-Klarinette zuzulegen, auf der wegen den 4 Trillerklappen nicht die für E‘‘‘ bzw. F‘‘‘ von ihm bevorzugte Griffweise (siehe Sonic Nr. 5/2013, Seite 35/36) möglich ist? Sicher war es der Reiz, eine Klarinette zu besitzen und (gelegentlich) zu spielen, wie sie auch von Soloklarinettisten der klassischen Musik gespielt wurde, wofür er in Kauf nahm, beim Spielen der Penzel-Mueller auf „seine“ E‘‘‘/F‘‘‘-Griffweise zu verzichten.
Und wie kam George Lewis zu solch einer Klarinette? Hierzu schrieb Bill Russell (1905-1992) im November 1970 an den japanischen Jazzklarinettisten Ryoichi Kawai (geb. 1940), einem George Lewis Schüler, der nach George Lewis‘ Tod in den Besitz von Georges Penzel-Mueller Klarinette kam, dass es sich bei George Lewis‘ Penzel-Mueller Klarinette um jenes Instrument handele, das er, also Bill Russell, im Frühjahr 1961 in einem Second-hand Shop in der Magazine Street in New Orleans für $ 10 oder $ 15 oder einem Betrag dazwischen gekauft habe. Als ihn dann kurz danach George Lewis in seinem Schallplatten- und Musikladen in der St. Peter Street No. 731, also gegenüber der Preservation Hall, besuchte, zeigte er ihm die Klarinette. Da George Lewis sich schon länger für eine Klarinette im „improved (Albert-) system“ – siehe Katalogauszug – interessiert hatte, verkaufte Bill Russell ihm die Klarinette zu dem Preis, zu dem er sie erstanden hatte. George Lewis ließ die Klarinette bei Werlein’s, einem Musikhaus in der Canal Street in New Orleans, mit neuen Polstern versehen und die Mechanik justieren, die komplizierter ist als beim gewöhnlichen Albert-System. Danach spielte George Lewis diese Klarinette, die er „My Bill Russell clarinet“ nannte, in den letzten Jahren seines Lebens immer mal wieder und so auch bei seinem letzten Job am 7. Dezember 1968 in der Preservation Hall in der Band des Trompeters Kid Thomas: die letzten Stücke waren „My Blue Heaven“ und „I’ll See You In My Dreams“, Kid Thomas‘ „final song“ am Ende eines jeden Konzerts, der aber nun tatsächlich George Lewis‘ letztes Stück wurde, denn er trat danach krankheitsbedingt nicht mehr auf und starb am 31. Dezember 1968.

George Lewis - Ice CreamZwei mir bekannte Fotos, auf denen George Lewis mit seiner Penzel-Mueller Klarinette abgebildet ist, sind das Foto vor der Preservation Hall (siehe erstes Foto) und das Foto in der Preservation Hall (oben), das von George Fletcher in den späten 1960er Jahren geknipst wurde und nun als Coverfoto für die Delmark-CD „Ice Cream“ (DD 202) Verwendung fand. Doch 1953, als die Schallplattenaufnahmen entstanden, die nun auf der Delmark-CD wiederveröffentlicht wurden, spielte George Lewis eine Noblet „Fontaine“ Kunststoffklarinette im üblichen Albert-System mit 4 Ringen und 3 Triller am Oberstück. Schallplattenaufnahmen, bei denen George Lewis seine Penzel-Mueller Klarinette spielt, gibt es meines Wissens nicht. In den letzten Monaten seines Lebens versah George Lewis seine Penzel-Mueller Klarinette, die in den beiden Fotos noch mit einem schwarzen Mundstück ausgestattet ist, mit einem weißen Runyon-Mundstück „Swing Bore“ 4 und einem Rico V 3 ½ Holzblatt, wie Bill Russell zu berichten wusste.

Noch ein paar Worte zur Firma Penzel-Mueller

Die Penzel-Mueller Company wurde laut Langwill 1899 in New York von den deutschen Immigranten Gustav Ludwig „Louis“ Penzel (1856-1920) und Edward Georg Müller (1869-1958) gegründet, existierte bis in die 1950er Jahre hinein in Long Island City, New York und zählte zu den weltweit führenden Holzblasinstrumentenmanufakturen.
Der Name Müller war bereits im frühen 19. Jahrhundert in der Musikwelt bestens bekannt durch den Klarinettisten Iwan Müller (1786-1854), der neben der Weiterentwicklung des Griffsystems (auf dem letztlich das Oehler-System fußt) die alten Klappen, die eine einfache Kipp-Mechanik und Filzpolster hatten, durch Löffel-Klappen mit Lederpolster ersetzte, die Tonlöcher hierzu versenkte und mit einem erhabenen Rand, dem heute noch üblichen Zwirl, versah, womit er eine perfekte Dichtigkeit erreichte. Edward Georg Müller war sein Enkel und wuchs in einer Klarinettenbauer-Familie auf, was ihm tiefen Sachverstand für die Herstellung von Qualitätsklarinetten verschaffte.
Auch Gustav Ludwig „Louis“ Penzel entstammte einer Musikinstrumentenmacher-Familie und arbeitete als Instrumentenbauer, bevor er in die USA emigrierte.
Durch die Tatsache, dass Penzel und Müller deutsche Instrumentenbauer waren und sie durch ihre Verbindungen in die alte Heimat Teile für ihre Klarinetten aus dem sächsischen Vogtland bezogen (die Holzteile wurden dann mit dem amerikanischen Adler-Logo versehen), sieht eine Albert-Klarinette von Penzel-Mueller ein wenig anders aus als die üblichen Albert-Klarinetten, die die meisten anderen Instrumentenbauer herstellten. Besonders das Klappendesign, wie auf dem Farbfoto mit der Noblet ersichtlich, ist mehr „deutsch“ als „französisch“, d.h. die Klappen sind nicht so zierlich, sondern eher massiv, um nicht massig zu sagen, gestaltet.

Text: Eberhard Kraut


 

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