New Orleans Jazz
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Vintage NOBLET Klarinetten

~ gespielt von Jazzmusikern ~

 

Text: Eberhard Kraut / Fotos: Archiv E. Kraut

 

 

Die George Lewis Ragtime Band am 21.02.1954 bei Schallplattenaufnahmen in der Holy Trinity Episcopal Church in Oxford, Ohio, USA. Von links nach rechts: Alton Purnell (1911-1987), Alcide ”Slow Drag“ Pavageau (1888-1969), Lawrence Marrero (1900-1959), George Lewis (1900-1968), Joe Watkins (1900-1969), Avery “Kid“ Howard (1908-1966) und “Big Jim” Robinson (1892-1976).

 

George Lewis 1954 mit seiner NOBLET “Fontaine“ Albert-Klarinette aus Ebonit.

Wie alle namhaften Holzblasinstrumentenhersteller baute in Frankreich NOBLET in den 1930er Jahren und davor Klarinetten in beiden Griffsystemen aus Holz, Kunststoff (Ebonit) und Metall. Während der Klarinettenbau im Albert-System in den 1940er Jahren gänzlich eingestellt wurde, wurden die anderen Modelle weiterhin gebaut. Allerdings waren NOBLET-Metallklarinetten im Boehm-System nur noch bis Ende der 1980er Jahre erhältlich.

Zwei NOBLET-Klarinetten aus den 1930er Jahren wurden durch Jazzmusiker besonders berühmt: Neben Albert Burbank (1902 – 1976), dem Klarinettisten bei den 1945 durch Bill Russell (1905 – 1992) in der Artisan Hall in New Orleans erfolgten bedeutsamen Schallplattenaufnahmen mit der Band des Trompeters Wooden Joe Nicholas (1883 – 1957), spielte George Lewis (1900 – 1968) zwischen 1945 und 1954 zeitweise auch eine NOBLET-Klarinette. Bei beiden B-Klarinetten handelte es sich um mit dem Handelsnamen “Fontaine“ signierte Albert-Klarinetten aus Ebonit, um Kunststoffklarinetten also, auch wenn der Name Ebonit auf Ebenholz anspielt (Der aus Naturkautschuk und Schwefel gewonnene Hartgummi, Ebonit oder im Englischen “ebonite“ und “hard rubber“ genannt, wird vor allem für Mundstücke verwendet).

Das untenstehende Foto von George Lewis mit seiner NOBLET “Fontaine“ Ebonitklarinette, 1950 vom Filmresigeur Stanley Kubrick (1928 – 1999) aufgenommen, erzielte besonders große Beachtung, denn es wurde in LOOK, einem amerikanischen Magazin mit breiter Themenpalette und weitem Ausbreitungsgebiet, am 6. Juni 1950 veröffentlicht (Die in Des Moines im US-Bundesstaat Iowa herausgegebene 28 x 35,5 cm großformatige Zeitschrift erschien bi-wöchentlich von 1937 bis 1971).

George Lewis, “Jam Session” in New Orleans 1950 (Ausschnitt).

Erregten die von George Lewis mit seiner NOBLET “Fontaine“ 1946 in New York mit der Bunk Johnson Band für “V-Disc“ und 1950 in New Orleans mit eigener Band bei einer “Jam Session“ eingespielten Aufnahmen besondere Aufmerksamkeit, so war diese noch größer bei seinen am 21.02.1954 in der Holy Trinity Episcopal Church in Oxford im US-Bundestaat Ohio entstandenen “Jazz At Vespers“-Aufnahmen mit Spirituals, denn es war das erste Mal, dass eine Jazzband zu Schallplattenaufnahmen in einer Kirche spielte (siehe Foto ganz oben). Von den “Jazz At Vespers“-Aufnahmen 1954 inspiriert, entstanden dann 1998 CD-Aufnahmen in einer schwedischen Kirche mit der Jazzband des Engländers Chris Blount (1940 – 1998), der eine baugleiche, allerdings mit dem Handelsnamen “DuBois“ signierte NOBLET Albert-Ebonitklarinette spielte.

Wer die oben genannten Aufnahmen anhört, wird feststellen, dass die vielgeschmähten Kunststoff- oder Plastikklarinetten genauso gut klingen wie Holzklarinetten. George Lewis, der im Laufe seiner Musikerkarriere Albert-Klarinetten aus Holz, Kunststoff und Metall spielte, sagte hierzu: “I got the same thing out of the rubber clarinet as I did of the wood“, was auch für Metallklarinetten zutrifft, weshalb er hinzufügte: “Now, about metal clarinets, a lot of fellows say the tone is different from wooden ones, but I didn’t find any difference in tone. The only way the tone is different is if the clarinet is a cheap one – wood (or rubber) or metal”. Entscheidend für den Klang einer Klarinette ist nämlich nicht, aus welchem Material sie besteht. Vielmehr beeinflusst den Klang, neben dem Spieler natürlich, das Mundstück mit dem Blatt.
Noch eine Anmerkung zu Ebonitklarinetten: Obwohl sie nicht anders aussehen als Klarinetten aus Holz, lassen sich Kunststoffklarinetten auf Schwarz-Weiß-Fotos, wie mir einmal Chris Blount bezüglich George Lewis‘ NOBLET “Fontaine“ Ebonitklarinette sagte, von Holzklarinetten leicht unterscheiden, denn Klarinetten aus Kunststoff glänzen wegen ihrer glatten Oberfläche stärker als Klarinetten aus Holz, die durch die Holzmaserung weniger das Licht reflektieren. Hinzufügen möchte ich, dass auf Farbfotos eine Ebonitklarinette oft daran erkannt werden kann, wenn ihre ursprünglich schwarze Farbe einen Braunstich hat, hervorgerufen durch den durch intensive Sonneneinstrahlung frei gewordenen Schwefel.

Wie den NOBLET Albert-Kunststoffklarinetten von Albert Burbank, George Lewis und Chris Blount wird auch einer NOBLET Boehm-Metallklarinette, die seit 40 Jahren der englische Jazzklarinettist Brian Carrick (geb. 1943) spielt, viel Beachtung geschenkt, weil diese B-Klarinette angeblich die einst von George Lewis gespielte Metallklarinette sei. Doch schon das andere Griffsystem führt diese immer wieder auftauchende Behauptung ad absurdum. George Lewis‘ Metallklarinette war nämlich eine Klarinette im Albert-System, wurde zudem in den USA von PEDLER gebaut (siehe SONIC 2.2013, Seite 44-47) und befindet sich seit Anfang der 1960er Jahre im Jazz Museum von New Orleans. Allerdings soll Brian die NOBLET Boehm-Metallklarinette von George Lewis‘ Tochter Shirley Lewis-Watkins Mitte der 1970er Jahre in New Orleans erhalten haben. Ob und wie diese Metallklarinette in das von Shirley im New Orleans-Stadtteil Algiers in der De Armas Street No. 3327 bewohnte Haus von George Lewis kam, ist nicht mehr nachvollziehbar, denn Shirley verstarb in den 1980er Jahren.

 

    

Brian Carrick um 2010 mit seiner NOBLET Boehm-Metallklarinette und rechts Eberhard Kraut 1987 mit seiner PEDLER Albert-Metallklarinette, die baugleich ist mit George Lewis‘ Metallklarinette (siehe auch Foto mit den verschiedensten Klarinetten).

Eine weitere NOBLET Boehm-Metallklarinette, allerdings mit gedeckelten Fingerlöchern und mit
“Fontaine“ signiert, spielte gegen Ende seines Musikerlebens wegen aufgekommener Arthrose in den Fingern der Jazzklarinettist und -saxophonist Fränzis Stuhler (1933 – 2012).

Ausgewählte CDs, auf denen die o. g. NOBLET-Klarinetten zu hören sind
Albert-Kunststoffklarinette:
Wooden Joe Nicholas 1945/49 (American Music AMCD-5)
George Lewis “Jam Session” 1950 (AMCD-104)
George Lewis “Doctor Jazz” 1953 (Delmark DD-201) – siehe Cover-Abbildung unten –
George Lewis “Jazz At Vespers” 1954 (Fantasy OJCCD-1721-2)
Chris Blount “Church Concert” 1998 (Music Mecca CD 2079-2)
Boehm-Metallklarinette:
Brian Carrick “The Spirit of New Orleans” 1995 (PEK Sound CD-050)

 

In meiner Sammlung Vintage-Klarinetten in B von NOBLET und LEBLANC befinden sich Modelle aus den 1930/40er Jahren, gebaut in verschiedenen Griffsystemen und aus verschiedenen Materialien.
Im untenstehenden Foto sind von links nach rechts abgebildet:

  • NOBLET Albert-Klarinette aus Ebonit mit 4 Ringen, 4 Rollen, 3 Triller und gerader Duodezimklappe
  • “Fontaine“ Albert-Klarinette wie zuvor, jedoch mit Schraubbirne. Eine solche Ebonitklarinette spielten George Lewis und – mit üblicher Birne – Albert Burbank.
  • “DuBois“ Albert-Klarinette wie zuvor, jedoch mit üblicher Birne (Originalklarinette von Chris Blount)
  • NOBLET Albert-Metallklarinette mit 4 Ringen, 4 Rollen, 3 Triller und gerader Duodezimklappe
  • “Fontaine“ Albert-Metallklarinette wie zuvor
  • NOBLET Boehm-Metallklarinette mit 6 Ringen, 4 Triller und gerader Duodezimklappe
    (baugleich mit Brian Carricks NOBLET-Metallklarinette)
  • zum Vergleich mit Brian Carricks NOBLET: PEDLER Albert-Metallklarinette wie sie George Lewis spielte
  • “Fontaine“ Boehm-Holzklarinette mit 6 Ringen, 4 Triller und gerader Duodezimklappe
  • NOBLET Metallklarinette mit gedeckelten Fingerlöchern, gebogener Duodezimklappe
    und Schraubbirne /„Stimmschraube“ – sog. Saxophonklarinette (siehe SONIC 1.2014, Seite 60-63)
  • “Fontaine“ Boehm-Metallklarinette mit gedeckelten Fingerlöchern und gerader Duodezimklappe
    (Originalklarinette von Fränzis Stuhler)
  • NOBLET Albert-Metallklarinette, zweiteilig mit abnehmbarem Schallbecher
  • LEBLANC Boehm-Metallklarinette, zweiteilig mit abnehmbarem Schallbecher und Schraubbirne
  • LEBLANC Boehm-Klarinette in Holz, Solisten-Modell

 

Weitere NOBLET “stencil“-Klarinetten meiner Sammlung sind signiert mit “Robert Durand“ (siehe SONIC 2.2016), “Jean Buisson“, “Valette“, “M. LaCroix“, “Le Maire“, “G.L. Otterol“, “Raymond“, “Sioma“, “Triomphe“, “Victory“ und “Jeffrey“.

Zur Geschichte von NOBLET, die mit der von LEBLANC eng verbunden ist

1750 gründete Clair Noblet (1728 – 1800) eine kleine Manufaktur zur Herstellung von Holzblasinstrumenten. Der Familienbetrieb wurde in der Normandie in La Couture-Boussey errichtet, weil die Gegend viele Buchsbaumwälder aufzuweisen hatte. Der Ort, der mit 87 km nicht unweit westlich von Paris liegt (Paris ist deshalb dem Firmennamen im Firmenlogo hinzugefügt), gilt als die „Wiege der Holzblasinstrumente“. Damals verwendete man für Klarinetten, Oboen und Flöten nämlich Buchsbaumholz, also “boxwood“, im französischen Dialekt “boussey“ genannt.

1904 verkaufte der Nachfahre Denis Toussaint Noblet (1850 – 1919), weil ohne Erben, die Firma an seine beste Fachkraft Georges Leblanc (1872 – 1959), der neben seiner exzellenten Handwerkskunst auch ein exzellenter Klarinettist war. Georges Leblanc modernisierte die Firma und mit seinem Sohn Leon Leblanc (1900 – ? ), ein preisgekrönter Klarinettist, setzte ein großer Erfolg für NOBLET Instrumente ein. 1921 beschlossen dann beide, eine neue Produktlinie von “high-quality instruments intended for the artists“ unter ihrem Namen hinzuzunehmen. Die Marke LEBLANC war damit geboren. Die NOBLET-Klarinetten wurden später von der G. LEBLANC Cie., in der die Firma NOBLET aufgegangen war, hauptsächlich als Studenten-Modelle angeboten.

Um die in Frankreich produzierten Holzblasinstrumente besser in den USA verkaufen zu können, wurde 1946 in Kenosha im US-Bundesstaat Wisconsin von Leon Leblanc und Vito Pascucci (1922 – 2003), ein bei HOLTON in Elkhorn, Wisconsin ausgebildeter Instrumentenreparateur und Trompeter, der im Orchester von Glenn Miller (1904 – 1944) gespielt und Europa bereist hatte, die amerikanische LEBLANC Corp. gegründet. Später kaufte Vito Pascucci die amerikanischen Instrumentenbaufirmen HOLTON (1964), MARTIN (1971) u. a. hinzu und promotete die NOBLET- und LEBLANC-Klarinetten als die besten Boehm-Klarinetten auf dem Markt. Neben den Klarinettisten der klassischen Musik machten der Big Band-Leader und Klarinettist Woody Herman (1913 – 1987) und die Jazzklarinettisten Peanuts Hucko (1918 – 2003), Buddy DeFranco (1923 – 2014) und Pete Fountain (geb. 1930) Werbung für LEBLANC Boehm-Klarinetten. Auch das preisgünstige mit “Normandy“ signierte Boehm-Modell fand bei Jazzklarinettisten Anklang.

Nach dem Tod von Vito Pascucci leitete dessen Sohn Leon Pascucci das amerikanische Unternehmen, das noch unter Leons Vater 1989 die französische Stammfirma G. LEBLANC Cie. übernommen hatte. Nach einem Großbrand 2003 in der ehemaligen Stammfirma wurde die Produktion in Frankreich aufgegeben und das Betriebsgelände 2008 an die BUFFET Group verkauft.
Zu den etablierten Klarinettenmarken NOBLET und LEBLANC (Boehm-System) war bereits 1960 beim damaligen amerikanischen Firmenableger noch die Billig-Klarinettenmarke VITO hinzugekommen, benannt nach Vito Pascucci. Das Unternehmen, das alle Baugrößen von der Sopranino- bis zur Kontrabassklarinette im Boehm-System auch in unterschiedlichen Preis- und Qualitätsstufen anbieten konnte, wurde 2004 Teil der CONN-SELMER Inc. und von Kenosha nach Elkhart im US-Bundesstaat Indiana verlegt. Die CONN-SELMER Inc. ist eine 2002 aus der Verschmelzung von C.G. CONN und der amerikanischen SELMER Company hervorgegangene Tochtergesellschaft der STEINWAY MUSICAL INSTRUMENTS Inc. Sie bietet keine Klarinetten mehr unter der Marke NOBLET an, womit die Geschichte der ältesten Instrumentenbaufirma Frankreichs beendet ist.

Quellen: Internet und “The New Langwill Index” von Wm. Waterhouse, London 1993

 

Seite 3 und 4 eines NOBLET-Katalogs aus den 1980er Jahren.
Die Metallklarinettenabbildung ist mit dem persönlichen Autogramm von Brian Carrick versehen (1984).
Auf Seite 5 werden Es-Alt- und B-Bassklarinette im Boehm-System angeboten, auf Seite 6 Silberflöten und Metall-Piccolo und auf Seite 7 Oboen, alle unter der Marke NOBLET Paris.

 

Katalogseite aus dem Jahre 1933 mit angebotenen“Fontaine“ (NOBLET “stencil“) Holzblasinstrumenten


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