Eine Klarinette, die Geschichte schrieb:

George Lewis’ PEDLER Albert-Metallklarinette

von Eberhard Kraut
Derzeit erlebt auf dem Klarinetten-Sektor – nicht zuletzt durch den online-Marktplatz ebay.com begünstigt – die Metallklarinette, deren Anfänge auf das Jahr 1817 zurückgehen, eine Renaissance. Diese ganz aus Metall bestehende Klarinette wird teilweise wieder gespielt oder ist zum Objekt von Sammlern geworden. Metallklarinetten wurden in beiden Griffsystemen gebaut, also im deutschen und französischen (Boehm-System). Wie bei Holzklarinetten gab es aber auch Metallklarinetten im Halb-Boehm-System (deutsche Griffweise mit Boehm-Kleinfingerklappen) und Metallklarinetten mit gedeckten Fingerlöchern in deutscher und französischer sowie in Misch-Griffweise als „Saxophon“- oder Jazz-Klarinetten etwas unglücklich bezeichnet, denn diese Klarinetten haben nichts mit einem Saxophon zu tun und wurden auch nicht im Jazz gespielt.

Ihre ganz große Zeit hatten Metallklarinetten in den 1930/40er Jahren. Und in dieser Zeit, genauer gesagt am 27. Juli 1944, erlangte eine amerikanische Metallklarinette in deutscher Griffweise (Albert-System) besondere Bedeutung durch den Jazzklarinettisten George Lewis (1900-1968), als dieser in New Orleans mit seinem Trio, zu dem der Banjospieler Lawrence Marrero (1900-1959) und der Bassist Alcide “Slow Drag“ Pavageau (1888-1969) zählten, erstmals seinen selbstkomponierten “Burgundy Street Blues“ für das AMERICAN MUSIC-Label von Bill Russell (1905-1992) einspielte. Nicht nur George Lewis’ “Burgundy Street Blues“, sondern auch seine 1932 von Harry PEDLER in Elkhart/Indiana gebaute Albert-Metallklarinette schrieb damit (Jazz-) Geschichte.

Pedler 1932

Eberhard Krauts Albert-Metallklarinette, die wie George Lewis’ Metallklarinette 1932 von Harry PEDLER in Elkhart/Indiana, USA gebaut wurde und mit ihr baugleich ist. (Foto: Eberhard Kraut)

Diese Metallklarinette spielte George Lewis auch im Jahr zuvor (1943) bei Bill Russells Schallplattenaufnahmen mit seinen New Orleans Stompers (CLIMAX-Session), die von Jazzkritikern den Aufnahmen der Hot 5 von Louis Armstrong (1900-1971) als ebenbürtig bezeichnet wurden. Weitere außergewöhnliche Schallplattenaufnahmen von Bill Russell erfolgten 1944 mit der New Orleans Band des legendären Trompeters Bunk Johnson (1878-1949), bei denen George Lewis ebenfalls mit seiner PEDLER Albert-Metallklarinette zu hören ist. Ohne Trompete entstand dann mit George Lewis und dem Posaunisten Jim Robinson (1890-1976) jene “Ice Cream“-Version, die der englische Posaunist Chris Barber mit seinem Klarinettisten Monty Sunshine (1928-2010) 10 Jahre später kommerziell erfolgreich kopierte.
Der Hauptgrund, weshalb sich George Lewis eine Metallklarinette zulegte, war die Robustheit und Unverwüstlichkeit des Instruments. Als George Lewis um 1936 die PEDLER Albert-Metallklarinette in WERLEINs Musikladen in der Canal Street in New Orleans sah, entschloss er sich sofort zum Kauf. Der Metallkörper der Klarinette, der starke Temperaturschwankungen, Witterungs- oder sonstige Einflüsse ohne Schaden überstehen kann – bei Holzklarinetten besteht immer die Gefahr, dass sie reißen oder schlitzen -, hatte ihn offensichtlich so sehr angesprochen, dass er sich sicher war, eine Klarinette erworben zu haben, die ihn den Rest seines Lebens aushalten würde. Doch 1945 kehrte George Lewis zur Albert-Klarinette aus Holz, einer BUFFET, zurück (ab 1950 spielte er dann auf einer NOBLET Albert-Klarinette aus Ebonit), weil diese in der Mitte zerlegbar war und in einem kleineren Koffer sich deshalb besser transportieren ließ. Ober- und Unterstück seiner PEDLER waren nämlich aus einem Stück gefertigt – diese Besonderheit gibt es übrigens auch bei einigen wenigen Holzklarinetten, so z. B. spielte Edmond Hall (1901-1967) mit Louis Armstrongs All Stars eine einteilige BUFFET Albert-Holzklarinette mit abnehmbarem Schallbecher und abnehmbarer Birne. Ein weiterer Grund für den Wechsel war das höhere Gewicht seiner Metallklarinette (785 Gramm gegenüber 665 Gramm bei seiner Holz- und 645 Gramm bei seiner Ebonit-/Kunststoffklarinette, jeweils spielfertig mit Mundstück), das den rechten Daumen und damit den rechten Arm beim Spielen stärker belastete. Klangliche Gründe waren es also nicht. George Lewis: “A lot of fellows say the tone is different from wooden clarinets, but I didn’t find any difference in tone. The only way the tone is different is if the clarinet is a cheap one – wooden or metal. I once used a hard rubber clarinet and I got the same thing out.” George Lewis behielt seine Metallklarinette zunächst als Souvenir, übergab sie später aber dem Jazz-Museum in New Orleans, wo sie heute im Gebäude der alten US-Münzanstalt in der Esplanade Avenue No. 400 besichtigt werden kann; sie ist dort ohne Mundstück ausgestellt.
Obwohl George Lewis seine Metallklarinette nur wenige Jahre spielte, inspirierte er damit einige jüngere Klarinettisten, sich der Metallklarinette zuzuwenden. Und so gibt es weltweit Musiker des New Orleans Jazz, die Albert- oder Boehm-Metallklarinetten spielen, die von BETTONEY bzw. MOENNIG, BUESCHER, CONN, H. N. WHITE (KING), PEDLER, PENZEL-MUELLER, HAWKES, SELMER, NOBLET und KOHLERT gebaut wurden. Allerdings kenne ich niemanden, der außer mir eine PEDLER Albert-Metallklarinette wie die von George Lewis spielt.

Eberhards George Lewis modelGeorge Lewis, Bill Russell and Eberhard Kraut

 

 

 

George Lewis 1944 mit seiner PEDLER Albert-Metallklarinette
bei Schallplattenaufnahmen in der San Jacinto Hall in New Orleans.
Das eingesetzte Foto zeigt Eberhard Kraut 1987 in Ascona/
Tessin
mit seiner PEDLER “Hoosier“ Albert-Metallklarinette im Gespräch mit
Bill Russell, der
zusammen mit seinem Bruder Bill Wagner die von dem
Trompeter und Jazzpromotor Hannes
Anrig organisierte 13. Festa
New Orleans Music besuchte. (Fotos: Bill Wagner)

Die PEDLER Albert-Metallklarinette von George Lewis, zu der ich das Pendant besitze, ist das auf Seite 31 des WURLITZER-Katalogs von 1930 abgebildete und beschriebene Modell AS-3 im Finish 1 (silver plated body, bell, barrel joint and keys). Es handelt sich um eine B-Klarinette in der Stimmung A=440 (low pitched Bb). Gegenüber den B-Metallklarinetten anderer Hersteller ist sie viel stabiler durch eine dickwandigere und somit schwerere einteilige Schallröhre aus Neusilber, die einen abnehmbaren Schallbecher und eine fest aufgelötete Birne besitzt mit einem Mechanismus, bei dem sich zur Stimmkorrektur die Länge mittels Rändelschraube verstellen lässt. Ein weiteres Merkmal dieser PEDLER Metallklarinette sind die nicht direkt auf die Schallröhre aufgelöteten Klappenböcke – sie wurden, ähnlich wie die Böcke bei Saxophonen, zuvor auf kleine Grundplatten montiert. Diese so verstärkten Böcke (reinforced post mountings) tragen außer zur Stabilität natürlich auch zum höheren Gewicht bei, das man durch eine sehr bequeme Daumenstütze zu kompensieren versuchte.

Catalogue 1930

 

Vom Modell AS-3 wurden meiner Einschätzung nach – anders als dies bei den Boehm-Modellen SP-4, SP-10 und SP-20 und bei den mit einem fest aufgelöteten Schallbecher und mit einer abnehmbaren Birne ausgestatteten „einfacheren“ PEDLER Albert-Metallklarinetten mit den Modellbezeichnungen “Premiere“, “Elkhart“ und “Hoosier“ der Fall ist – nur ganz wenige Exemplare gebaut und so wundert es mich nicht, dass in einer der größten Musikinstrumentensammlungen der Welt, die sich im National Museum der Universität von South Dakota in Vermillion, USA befindet, immer noch ein solches wichtiges Modell fehlt. Nach jahrzehntelanger Suche fand ich vor 10 Jahren ein AS-3-Modell dank der Hilfe von Kermit Welch aus Los Angeles, der mir auch zu einer ebenfalls seltenen Silver-KING Metallklarinette im Albert-System und zu einer als Einzelstück gefertigten PRUEFER/PENZEL-MUELLER Metallklarinette im Voll-Albert-System (mit 6 statt mit 4 Ringen ausgestattet) verholfen hatte. Seit dieser Zeit tauchte selbst bei ebay.com – von zwei Exemplaren abgesehen, bei denen aber verschiedene Klappen fehlten (ich habe diese Instrumente trotzdem erworben und inzwischen restauriert) – kein weiteres AS-3-Modell mehr auf. Der bekannte amerikanische Klarinetten- und Saxophonreparateur und Klarinettenexperte Alex Cory (1904-1999) aus Lexington/Kentucky, mit dem mich wie mit Bill Russell und seinem Bruder Bill Wagner (1916-2008) bis zu deren Tod eine langjährige Freundschaft verband, sagte mir einmal: “Finding this type of a PEDLER metal Albert clarinet George Lewis played is like hunting a needle in a hay-stack“. Es ist also äußerst schwierig, ein AS-3-Modell zu finden. Ein japanischer Sammler besitzt ein anfangs der 1930er Jahre für den damals in Philadelphia im US-Bundesstaat Pennsylvania ansässigen Banjobauer WEYMANN hergestelltes “stencil“-Modell; eine solche PEDLER verkaufte mir Sid Glickman aus New York vor einigen Jahren.
Die Albert-Metallklarinetten von PEDLER bestechen – wie übrigens auch die von George Lewis in seinem letzten Lebensjahrzehnt gespielte SELMER Albert-Holzklarinette, von der ich ebenso ein baugleiches Modell besitze – durch einen vollen satten Klang; selbst die bei Klarinetten eher matten „kurzen Töne“ klingen voll. Und es macht große Freude zu erleben, wie sich die PEDLER die oberen Register geradezu ersingt. Dies ist sehr schön zu hören auf der bei ebay.de angebotenen George Lewis-CD “Closer Walk“ (Past Perfect 205757-203) bei den Stücken 1 – 3 von 1943 sowie 4 – 8 und 10 von 1944 (hier spielt George Lewis seine PEDLER). Die CD – das Coverfoto zeigt George Lewis 1961 mit seiner SELMER Albert-Holzklarinette – liefert zudem mit den Stücken 9 und 11 – 19 von 1945 (hier spielt George Lewis seine BUFFET Albert-Holzklarinette) den Beweis, dass eine Metall- gegenüber einer Holzklarinette nicht etwa harsch oder „blechern“ klingt – es ist also akustisch kein Unterschied feststellbar, zumal beide Klarinetten ja mit demselben Mundstück geblasen werden.
Das Modell AS-3 von PEDLER gilt in klanglicher und in optischer Hinsicht als die beste und schönste B-Metallklarinette im Albert-System, der aber klanglich die „einfacheren“ PEDLER Albert-Metallklarinetten-Modelle, die ich ebenfalls besitze, ebenbürtig sind: ihre Schallröhren sind nämlich aus demselben Material gefertigt, haben dasselbe Tonlochnetz und dieselbe weite Bohrung von rund 15 mm wie das AS-3-Modell. Neben den hervorragenden klanglichen Eigenschaften zeichnen sich alle PEDLER Albert-Metallklarinetten auch durch eine sehr gute Intonation aus.

Noch ein paar Worte zur Harry PEDLER Company:

Pedler logo

 

Die ursprüngliche PEDLER COMPANY wurde 1919 in Elkhart im US-Bundesstaat Indiana von Harry Walter Pedler (1872-1950) gegründet, einem englischen Holzblasinstrumentenmacher, der bekannt war als Experte im Schneiden von Grenadillholz. Bevor Pedler in die USA kam, war er als Kunsthandwerkmeister mit eigener Holzblasinstrumentenwerkstatt in London tätig. William Gronert (1851-1919), ein bei C. G. CONN in Elkhart/Indiana angestellter Engländer, befand sich 1905 auf Heimaturlaub. Während seines Aufenthalts in London traf er Pedler, den er dazu bewegen konnte, nach Elkhart zu gehen, um für CONN eine Holzblasinstrumentenabteilung aufzubauen. Harry Pedler kam im Juli 1905 in Elkhart an und arbeitete für CONN einige Jahre. Auf Initiative von Gronert gründeten dann beide 1916 ihre eigene Instrumentenbaufirma in Elkhart, die AMERICAN MANUFACTURING COMPANY. Nach dem Tode Gronerts 1919 benannte Pedler die Firma in HARRY PEDLER COMPANY um. Bis 1930 war er deren Direktor, dann verkaufte er sie, um mit dem deutschstämmigen Ferdinand August Buescher (1861-1937) in den Blechblasinstrumentenbau einzusteigen, an die von dem deutschen Einwanderer John Henry Martin (1835-1910) gegründete MARTIN BAND INSTRUMENT COMPANY (ab 1971 gehörte MARTIN zur LEBLANC CORPORATION in Elkhorn im US-Bundesstaat Wisconsin). 1936 änderte dann MARTIN den Namen der alten HARRY PEDLER COMPANY in THE PEDLER CO. ab. PEDLER Holzblasinstrumente wurden in Elkhart noch über zwei Jahrzehnte lang hergestellt, bis 1958 das Aus kam.
Die PEDLER COMPANY war spezialisiert auf Klarinetten und entwickelte die erste amerikanische Metall-Bassklarinette. Die Klarinetten wurden aus Holz, Ebonit und Metall gebaut. Andere Holzblasinstrumente von PEDLER waren Holz-, Ebonit- und Metall-Boehmflöten sowie Piccolos und Holz-Oboen. Wie BETTONEY war PEDLER führend im Bau von Metallklarinetten. Neben Albert- und Boehm-Metallklarinetten in der Sopranlage stellte PEDLER auch Metallklarinetten in der Sopranino-, und Boehm-Metallklarinetten in der Alt- und Basslage her.

Quelle: “Historical Sketches of Companies and Individuals Manufacturing Wind Instruments in Elkhart, Indiana, compiled by Dean McMakin, 1988”.

… und ein paar Worte zum “Burgundy Street Blues“:

In den 1940er Jahren lebte George Lewis in einem kleinen Haus in der St. Philip Street No. 827 im French Quarter von New Orleans. Tagsüber arbeitete er als Auslader im Hafen, aber nach Feierabend wurde die Musik seine Leidenschaft. Wochenends konnte man ihn in einer kleinen Bar finden, in der er für Touristen spielte oder in einem Club in der Nachbarschaft, wo er die Leute von New Orleans unterhielt. An anderen Abenden versammelte George Lewis sein Trio bei sich zu Hause, um nur für seine Freunde zu musizieren.
Nachdem im Juli 1944 George Lewis einen schlimmen Arbeitsunfall erlitten hatte, musste er mit Brustkorbquetschungen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Nach seiner Entlassung hatte er zu Hause das Bett noch einige Tage mit bandagiertem Oberkörper zu hüten. Da der Arzt ihm nicht sagen konnte, ob er je wieder Klarinette würde spielen können (George Lewis’ größte Sorge), wollte er es selbst herausfinden. Obwohl dem kranken George Lewis jeder Atemzug furchtbare Schmerzen bereitete, holte er sein Instrument, jene PEDLER Albert-Metallklarinette also, hervor und begann darauf ein paar Bluesphrasen, die ihm gerade so einfielen, zu blasen. Seine beiden Freunde, der Banjospieler Lawrence Marrero und der Bassist Slow Drag Pavageau, die er zu sich gerufen hatte, schlossen sich mit ihren Instrumenten seinem Spiele an. Der so spontan und ohne eine einzige Note auf dem Papier entstandene Blues wurde von Bill Russell, der von der Session rechtzeitig erfahren und ein transportables Aufnahmegerät in der Küche von Lewis’ Haus aufgestellt hatte, mitgeschnitten. Niemand ahnte, dass das Stück, benannt nach einer Querstraße zur St. Philip Street in New Orleans, der berühmteste Blues des traditionellen Jazz werden würde. George Lewis hatte ihn nie zuvor gespielt. In den 1950/60er Jahren entstanden unter weit besseren Bedingungen unzählige Aufnahmen von George Lewis und seinem “Burgundy Street Blues“, der sozusagen sein Feature-Stück geworden war. Doch keine dieser Aufnahmen kann es, was Ausdruck und Ton betrifft, mit der Originalversion vom 27. Juli 1944 aufnehmen.

Quelle: Tagebuch-Aufschriebe von Bill Russell mit eigenen Ergänzungen von Eberhard Kraut.

Harry Pedler on Burgundy Street Blues

Foto & Idee: Eberhard Kraut


 

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